“Neunzigerjahre-Bumsschlager”: So hart richtet ein “Zeit” Autor über ein Andrea Berg Konzert

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Die Zeit ist eine der größten Wochenzeitungen Deutschlands. Die Zielgruppe der renommierten Zeitung unterscheidet sich  stark von der (zum Beispiel)  Bild Zeitung. Deutliche 71% der Zeit-Leser haben mindestens Abitur, 49% sogar ein Studium.  Wenn diese Zeitung also über Schlager berichtet, macht sie das natürlich auch aus den Augen der Zielgruppe und nicht aus den Augen der deutschen Bevölkerung. Daher ist es umso spannender zu sehen, wie solch eine Zeitung über den Schlager berichtet. Aktuell berichtet die Zeitung über das Andrea Berg Konzert auf der Berliner Waldbühne und lässt kein gutes Wort an Fans und Künstlerin. Aber der Reihe nach.

Andrea Berg Lieder haben 3 zentrale Themen

Zunächst einmal analysiert der Artikel um was sich die Lieder der Aspacherin drehen. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Andrea Berg genau 3 Themen hat die sich in allen ihren Liedern wiederfinden. Der erste Themenkreis ist das Warten auf den Moment und die Sehnsucht die sich dann endlich erfüllt. Lieder aus diesem Themenkreis sind zum Beispiel “Nicht irgendwann”, oder “der Himmel brennt”. Das zweite Thema des Schaffens der Künstlerin handelt “von dem Erkalten der Liebe zu einem einstmals begehrten Mann”. Den dritten und laut Zeit zentralen Themenkreis von Andrea Bergs Liedgut handelt von neuen Chancen, die sich immer auftun und die damit verknüpfte Aufforderung nicht zu lange an alten Dingen festzuhalten. Wenn zum Beispiel eine Liebe aus dem eigenen Leben verschwindet solle man nicht trauern, es werden sich neue Chancen auftun. So oder ähnlich thematisiert in ihren Stücken “Ich sterbe nicht nochmal”, oder “Wenn Du mich willst (dann küss mich doch)”. Das war’s. Egal welches Lied man von Andrea Berg hört, man kann alle Stücke in eine dieser drei Schubladen einsortieren.

Ist die thematische Enge ein Problem?

Die Frage ist, ob eine gewisse thematische Enge ein Problem ist? Die meisten Künstler haben wenige Themen auf die sie sich fixieren und so ähneln sich die Lieder natürlich inhaltlich auf eine gewisse Weise. Aber gerade diese Tatsache hilft es den Fans sich immer wieder in den Lieder zu verlieren und neue Kraft aus ihnen zu schöpfen. Außerdem bezieht der Autor nur Lieder des Konzerts mit ein – ob andere Lieder den Themenkreis erweitern wird nicht hinterfragt . Natürlich stimmt, dass  Andrea Berg einen ganz bestimmten (wenn auch durchaus größeren als suggerierten) Themenkreis in ihren Liedern hat. Würde sie diesen radikal ändern (mal vorrausgesetzt sie würde dies überhaupt wollen), dann würden die Fans zumindest verwundert sein. Viele würden dies wohl nicht mitgehen. Nach so vielen Jahren ist eine Andrea Berg natürlich Gefangene ihrer eigenen Kunst. Das muss aber nicht schlecht sein: Im Gegenteil!

Von modernem Pop in die Bumsschlager-Vergangenheit

Während die erste Hälfte des Konzerts laut Zeit-Autor durchaus noch erträglich war und mit musikalischen Finessen wie dem ein oder anderen Gitarrensoli punkten konnte, lässt der Autor an der zweiten Hälfte kein gutes Haar. Von eher pophaften Stücken driftet der Klang nun ab zu “Neunzigerjahre-Bumsschlager”. Die Menschen vor der Bühne feiern dies, indem sie die “Berg-typischen Jetzt-aber-Koitus-Handbewegungen” nachmachen. Das Flair des Konzerts erinnert an dieser Stelle, und das ist unsere Interpretation von dem geschriebenen, eher an eine Bunga-Bunga Party, als an ein Schlagerkonzert. Die braven konservativen Schlagerhörer wurden durch “im Gehirn leicht metallisch nachflirrenden Billigsynthstreicherfanfaren ” und der Hitze des Abends von Andrea Berg animiert ihren Trieben freien Lauf zu lassen. Die Fans sollen die oben beschriebenen alten Ängste und Sorgen vergessen und am besten noch auf dem Konzert eine neue Chance ergreifen. Küssen, Fummeln und mehr, all das ist erlaubt, ja ist sogar gewünscht – so interpretieren wir das Geschriebene.

Der animalische Pöbel des Schlagers

Ist der Umstand, sollte er wahr sein, wirklich erschreckend oder doch eher menschlich? Ist ein Konzert mit der Musik die einem gefällt nicht ein Ort an dem man ein Anderer sein kann. Ein Ort an dem man seine Hemmungen ein Stück weit fallen lassen kann? Doch der Autor geht einen Schritt weiter, überschreitet eine Grenze:  Versucht er bewusst ein Bild eines animalischen, triebgesteuerten Pöbels zu zeichnen? Etwas das in den anspruchsvollen Sinphonieorchestern des Bildungsbürgertums nie vorkommen würde? Na zumindest spielt er unserer Meinung nach mit diesem Bild und möchte Vorurteile über die “dummen Schlagerhörer” bestärken.  Unzweifelhaft bei seiner eigenen Zielgruppe, die der öffentlichen Meinung zur Folge eher kein Schlager hört. So hat der Leser des Artikels valide Argumente (aus verlässlicher Quelle) und kann bei nächster Gelegenheit einen süffisanten Kommentar zum dumme Schlagervolk ablassen. Wir kennen ähnliche Beispiele ja durchaus von Berichterstattungen über das sogenannte Trash-TV.

Was haben Bildungsbürger gegen Schlager?

Durch das Zuordnen von Musikstilen zu Sozialen Millieus werden Schubladen geschaffen. Schubladen die das Denken und Meinung bilden einfacher machen. Der dumme Schlagerhörer auf der einen Seite, der schlaue Klassik-Hörer auf der anderen Seite. Doch sollte es nicht gerade im Interesse des Bildungsbürgertums sein diese Schubladen und die damit verbundenen Vorurteile abzubauen? Muss ein Andrea Berg Konzert wirklich als eine archaische und von jeden Konventionen entfesselte Zusammenkunft von Tieren beschrieben werden? Ist nicht die Berichterstattung über das Konzert enthemmter und primitiver als das Konzert selbst? Bleibt zu hoffen das in Zukunft auch wieder versönlichere Töne von gewissen Zeitungen angeschlagen werden. Denn dieser Text verletzt. Und das kann nun wirklich keiner wollen.

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